Buchtipp

«Es braucht Praktika für erfahrene Akademikerinnen»

Im Buch «Mutmacherinnen» werden zehn Frauen porträtiert, denen der Wiedereinstieg ins Berufsleben nach einer längeren Pause erfolgreich gelungen ist. Co-Autorin Gudrun Sander erzählt, warum es Wiedereinsteigerinnen so schwer haben und warum diese Frauen grosses Potenzial mitbringen.

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Gudrun Sander wünscht sich, dass Firmen Praktika für ältere Personen anbieten. (Fotomontage: jobindex media ag)

Frau Sander, warum sind die zehn Frauen, die Sie porträtieren, Mutmacherinnen?

Gudrun Sander: Sie sind Vorbilder und Beispiele für andere, die gerne den Wiedereinstieg schaffen würden. Der Weg in den Wiedereinstieg kostet alleine viel Kraft und dauert länger, wie wenn man die Unterstützung anderer hat.

Das Buch richtet sich nicht nur an Wiedereinsteigerinnen, sondern auch an HR-Verantwortliche. Warum?

Es braucht zwei Seiten: Die Frauen, die zurück ins Arbeitsleben wollen und Firmen, die ihnen eine Chance geben. Alle porträtierten Frauen haben studiert, sie können sich schnell in ein neues Gebiet einarbeiten, haben aber auch Schwächen, zum Beispiel in Bezug auf EDV-Kenntnisse. Wenn man sie am richtigen Ort einsetzt, haben sie grosses Potenzial. Es bestehen aber noch viele Vorurteile Wiedereinsteigerinnen gegenüber. Deshalb wollen wir zwischen den Frauen und den Firmen mit unserem Zertifikatskurs «Women Back to Business» eine Brücke bauen: Die Frauen machen ein Praktikum in einer Firma, so dass sich die beiden Seiten risikolos kennenlernen können. So sehen die Unternehmen auch, was die Frauen drauf haben und was für Vorteile sie bieten.

Was sind denn die Vorteile der Wiedereinsteigerinnen?

Sie haben Lebenserfahrung und häufig auch interkulturelle Erfahrung und verschiedenste Fachkompetenzen. Neben ihrer früheren beruflichen Erfahrung bringen sie oft auch Know-how dank ihrer Freiwilligenarbeit mit. Das Kinder-Thema ist bei ihnen abgehakt und die potenziellen Arbeitgeber können damit rechnen, dass sie länger bei ihnen verweilen werden als junge Hochschulabsolventinnen und -absolventen. Sie sind aufgrund der längeren Pause sehr motiviert und haben wirklich Lust darauf, sich wieder in der Arbeitswelt unter Beweis zu stellen. Am besten eignen sich Wiedereinsteigerinnen übrigens für generalistische Funktionen, die eine gewisse Reife und Konfliktfähigkeit verlangen.

Warum ist es für Frauen nach einer längeren Babypause oft so schwer, wieder einen Job zu finden?

Sie suchen häufig einen qualifizierten Teilzeitjob. Diese Stellen sind aber rar und werden meist mit Frauen besetzt, die bereits im Unternehmen arbeiten. Des Weiteren sind die Wiedereinsteigerinnen oft unsicher und haben wenig Selbstbewusstsein, wenn sie fünf Jahre nicht erwerbstätig waren. Sie haben vergessen, was ihre Stärken sind und haben Hemmungen, ihr eigenes Netzwerk zu aktivieren. Doch die Stellen, die sie suchen, laufen zu 80 Prozent über Kontakte. Das HR sieht häufig nur die Lücken und Unterbrüche im Lebenslauf. Die Frauen brauchen eine Chance, damit sie sich vorstellen können, dann überzeugen sie oft.

Zur Person

Gudrun Sander ist Programmverantwortliche des Zertifikatskurses «Women Back to Business» (WBB) und Direktorin für Diversity und Management Programme der Executive School of Management, Technology and Law an der HSG. Das HSG-Programm richtet sich an Akademikerinnen, die nach einer Familienphase wieder ins Berufsleben einsteigen oder sich beruflich neu orientieren möchten. Der erste WBB-Kurs startete im September 2008. Gemäss einer HSG-Studie finden drei Viertel der Frauen danach einen Job.

Sander, Gudrun; Rodriguez Startz, Miriam (Hrsg): Mutmacherinnen. Zehn Erfolgsgeschichten gelungener Wiedereinstiege. Universität St. Gallen 2013.

Die Publikation kann hier kostenlos bestellt werden.

Was für Tipps geben Sie Wiedereinsteigerinnen?

Sie sollen ihr Netzwerk aktivieren und sorgfältig auf ihre Stärken und Ressourcen achten. Zudem ist es wichtig, dass sie sich realistische Etappenziele setzen und auch Feedback einholen: Wie sehen mich andere? Wie wirke ich? Auch wenn Absagen frustrierend sind, dürfen sie sich dadurch nicht entmutigen lassen und sich auch nicht scheuen, sich für ein Praktikum zu bewerben.

Was wünschen Sie sich von den Unternehmen?

Dass sie den Frauen eine Chance geben. Ich bin überzeugt, dass sie gute Erfahrungen mit Wiedereinsteigerinnen machen. Ich würde mir wünschen, dass das HR mehr auf die Kompetenzen und weniger auf die Lücken achtet und auch schaut und wertschätzt, was die Frauen unbezahlt geleistet haben. Es bräuchte ein Traineeprogramm für Ältere, denn Firmen geben 40-Jährigen noch viel zu selten eine Praktikumsstelle. So macht das zum Beispiel die Firma Lanxess in Deutschland, die ein 18-monatiges Traineeprogramm für erfahrene Akademikerinnen und Akademiker anbietet. Dies ist ein hervorragender Weg, den auch grosse schweizerische Unternehmen einschlagen könnten, um qualifizierte einheimische Arbeitskräfte wiederzugewinnen. Aber auch KMU können sich für Wiedereinsteigerinnen einsetzen, indem sie entsprechende Stellen auf ihren Jobportalen ausschreiben oder ihnen Praktikumsplätze anbieten.

Und was wünschen Sie sich von den Frauen?

Von den Frauen wünsche ich mir, dass sie mutiger sind und mehr an sich selber glauben. Auch wenn sie jetzt noch nicht alles können, so können sie sich weiterbilden.

Women Back to Business – vier Wiedereinsteigerinnen im Porträt

Vor einem Jahr hat HR Today vier Frauen porträtiert, die den Zertifikatskurs «Women Back to Business» besucht und erfolgreich den Wiedereinstieg geschafft haben:

 

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