«Fachkräftesicherung beginnt immer mit der richtigen Ausbildung»
Die Baukette Schweiz steht für eine betriebsspezifische, praxisnahe KV-Ausbildung entlang der gesamten Wertschöpfungskette Bauen und Wohnen. Geschäftsführer Markus Bühlmann und Präsident Jan Ammermann erklären, warum Branchenlösungen entscheidend sind, wie die Baukette Betriebe unterstützt – und welche Herausforderungen in der Berufsbildung anstehen.

Branchenspezifische Lösungen gab es nicht immer. (Bild: Gemini)
HR Today: Herr Bühlmann, Herr Ammermann, bitte erklären Sie, was die Baukette Schweiz ist.
Markus Bühlmann: Baukette Schweiz ist eine von insgesamt 19 national anerkannten Branchen im kaufmännischen Ausbildungsbereich. Unsere Aufgabe ist es, für Betriebe im Umfeld von Bauen und Wohnen eine spezifische, praxisnahe Ausbildungslösung be- reitzustellen. Dazu gehören die Durchführung überbetrieblicher Kurse (üK) und der branchenspezifischen Lehrabschlussprüfungen, die Ausbildung von Berufs- und Praxisbildnerinnen und -bildnern, die Organisation von Betriebs- und Baustellenbesichtigungen für die Lernenden und – ganz wichtig für Ihre Leserschaft – die Begleitung der Betriebe im Alltag der Berufsbildung.
Jan Ammermann: Träger und Treiber der Baukette sind Verbände und Unternehmen entlang der ganzen Wertschöpfungskette Bauen und Wohnen, denen es ein Anliegen ist, dass die Lernenden über ein möglichst umfassendes Branchenwissen verfügen und den Spirit der ganzen Branche erleben.

Weshalb benötigt die Branche Bauen und Wohnen eine eigene KV-Ausbildung?
Bühlmann: Es gibt in der Schweiz derzeit 18 mehr oder weniger homogene KV-Branchen wie Banken, Versicherungen oder MEM. Gleichzeitig gibt es die Branche «Dienstleistung und Administration» als ein Sammelbecken für alle Betriebe mit Lernenden, die keiner spezifischen Branche zugeordnet sind oder nicht branchenspezifisch ausbilden wollen. Unseren Gründerinnen und Gründern sowie Mitgliedern ist jedoch wichtig, dass die KV-Lernenden einen Überblick über die gesamte Bauwirtschaftsbranche erhalten.
Ammermann: Wir decken deshalb das ganze Spektrum ab – vom Architekturbüro über Planer, Produzenten, Gross- und Detailhändler bis hin zu Facility Management und Umgebungsarbeiten. Diese Vielfalt ist unsere Stärke, aber auch eine Herausforderung. Unsere KV-Lernenden erleben die gesamte Wertschöpfungskette und verstehen, wie ihr Beruf in einen grösseren Kontext eingebettet ist.
Wie viele Lernende bilden Sie aktuell aus?
Bühlmann: Rund 900, verteilt auf etwa 600 Lehrbetriebe in der Deutschschweiz, Romandie und neu ab Sommer 2026 auch im Tessin. Das Wachstum ist organisch, und das ist uns wichtig – wir wollen Qualität vor Quantität.
Worauf legen Sie bei der Ausbildung besonders Wert?
Ammermann: Auf die Verbindung zwischen schulischer Bildung und betrieblicher Realität. Unsere Lernenden besuchen branchenspezifische überbetriebliche Kurse, unternehmen Betriebsbesichtigungen, lernen verschiedene Akteure kennen – vom Hersteller bis zum Bewirtschafter. Entsprechend heisst unser eigenes Lehrmittel auch «Ein Bauwerk entsteht». Ziel ist, dass die Lernenden nicht nur Büroarbeit erledigen, sondern verstehen, wie ihr Betrieb funktioniert, wer die Kundschaft und die vor- und nachgelagerten Unternehmen sind sowie woher die Produkte kommen und wohin sie gehen. Ebenso ist uns die Vernetzung der Lernenden der Branche wichtig, da so wertvolle Beziehungen fürs ganze Arbeitsleben entstehen können.
Ein typisches Beispiel?
Ammermann: Ein Lernender in einem Küchenhandelsbetrieb lernt nicht nur Verkaufsprozesse, sondern besucht auch Produktionsstätten, versteht die Lieferlogistik, kennt den Montageprozess und erlebt eine Baustelle. Solche Einblicke sind Gold wert – sowohl für die spätere Fachlaufbahn als auch für die Bindung an den Beruf.
Wie stark ist die Branchentreue nach der Lehre?
Bühlmann: Gefühlt sehr hoch. Auch wenn wir keine wissenschaftlichen Langzeitstudien haben, beobachten wir, dass viele Lernende der Branche treu bleiben – sei es im gleichen Betrieb, in verwandten Unternehmen oder später als Praxisbildnerinnen und -bildner oder Prüfungsexpertinnen und -experten. Wer bei uns sozialisiert wurde, entwickelt oft ein starkes berufliches Selbstverständnis und Commitment. Ich bin das beste Beispiel: Ich machte das KV in einem Handelsunternehmen, arbeitete danach in verschiedenen Betrieben im Baubereich und bin nun in der Ausbildung gelandet. Solche Werdegänge beobachten wir oft.
Was ist der Hauptvorteil für HR-Verantwortliche, wenn sich ihr Betrieb für die Baukette entscheidet?
Bühlmann: Sie erhalten eine branchenspezifische, professionelle Ausbildungslösung mit umfassendem Support. Wir bieten strukturierte Ausbildungsprogramme, Tools zur Bewertung, Schulungen für Berufsbildnerinnen und Berufsbildner, Unterstützung bei pädagogischen Herausforderungen – und eine sehr persönliche Begleitung. Besonders KMU ohne grosse HR-Abteilungen sind auf solche Angebote angewiesen.

Wie erleben Sie den Alltag in den Lehrbetrieben? Was sind häufige Herausforderungen?
Bühlmann: Oft sind es die gleichen Themen: Wer kann Praxisbildnerin oder Praxisbildner werden, und wie werden sie ausgebildet? Wie bewerte ich Lernende objektiv? Wie gehe ich mit leistungsschwachen oder psychisch belasteten Lernenden um? Was tun bei Konflikten mit Eltern? Nicht jeder Betrieb hat die Ressourcen, sich in diese Fragen zu vertiefen. Deshalb verstehen wir uns auch als Coaches für die Betriebe.
Praxisbildnerinnen und -bildner gelten als Schlüsselfiguren. Ist es schwierig, geeignete Personen zu finden?
Ammermann: Leider ja. Viele unterschätzen den Aufwand – besonders im ersten Lehrjahr. Die Idee, dass ein Lernender Arbeit abnimmt, stimmt frühestens im dritten Semester. Davor ist es ein Mehraufwand, der Zeit, Geduld und didaktisches Geschick erfordert. Und in vielen Betrieben fehlt oft das Bewusstsein, dass diese Rolle gezielte Ausbildung und Betreuung braucht. Hier unterstützen wir mit Schulungen, Vorlagen und persönlicher Beratung.
Wird diese Rolle auch von den Geschäftsleitungen in den Betrieben ernst genommen?
Ammermann: Nicht immer. Bildung steht auf vielen Traktandenlisten zuunterst. Unsere Aufgabe ist es, aufzuzeigen, dass Berufsbildung keine Nebensache ist, sondern ein zentraler strategischer Faktor – gerade in Zeiten des Fachkräftemangels. Denn Fachkräftesicherung beginnt immer mit der richtigen Ausbildung.
Bühlmann: Eine gute Ausbildung ist auch eine Visitenkarte gegenüber der nächsten Generation. Sie zeigt, dass ein Betrieb in Menschen investiert – das wirkt nach innen und aussen.

Stichwort Digitalisierung – wie verändert sie das KV-Profil in Ihrer Branche?
Ammermann: Die Digitalisierung verändert den Beruf grundlegend, aber langsamer als oft behauptet. Im Bau gibt es weniger standardisierte Prozesse als in Banken oder Versicherungen. Trotzdem: Auch bei uns werden repetitive Aufgaben automatisiert. Darum fördern wir Kompetenzen wie Prozessverständnis, kritisches Denken, Kommunikationsfähigkeit und digitale Mündigkeit. Lernende müssen heute beurteilen können, ob eine Information valide ist – das kann kein Tool abnehmen.
Nutzen Ihre Lernenden KI-Tools wie ChatGPT?
Bühlmann: Absolut. Viele setzen KI bei Praxisaufträgen oder Lerndokumentationen ein. Das ist zwar nicht grundsätzlich schlecht – aber es braucht klare Regeln, Transparenz und Anleitung. Unsere Aufgabe ist es, die Lernenden zu befähigen, KI sinnvoll und ethisch korrekt einzusetzen – und die Berufsbildnerinnen und Berufsbildner entsprechend zu schulen.
Wie reagieren die Ausbildungsbetriebe auf diese Entwicklung?
Bühlmann: Mit einer Mischung aus Neugier, Unsicherheit und Überforderung. Einige sehen Chancen, andere befürchten Qualitätsverlust. Wir bieten konkrete Hilfestellungen, Anleitungen, Praxisbeispiele – damit sich die Beteiligten sicher fühlen im Umgang mit neuen Technologien. Wichtig ist: Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein, sondern muss in den betrieblichen Alltag passen.

Gibt es Austausch mit anderen Branchen oder Verbänden?
Ammermann: Ja, wir sind gut vernetzt – wichtige Organisationen sind als Mitglieder des Vereins im Vorstand vertreten. Hinzu kommen unsere Kooperationspartner. Zudem arbeiten wir mit der Dachorganisation Bildung Kaufleute Schweiz (BIKAS) zusammen, etwa beim Monitoring der KV-Reform 2023 oder bei der Evaluation von Prüfungsformaten.
Was sind aktuelle strategische Themen für die Baukette?
Ammermann: Ganz oben steht die Erweiterung in die lateinische Schweiz. Gleichzeitig entwickeln wir neue Fachmodule – zum Beispiel für Lohnabrechnung nach GAV, Produkteschulungen oder Küchenverkauf –, um die Praxisnähe zu stärken. Intern beschäftigen uns Themen wie Digitalisierung, Berufsbildner-Qualifizierung, Qualitätsentwicklung und demografischer Wandel. Ein zentrales Thema bleibt zudem: Wie bleiben wir trotz Reformdynamik nahe an der Praxis? Denn nach der Reform ist immer vor der Reform.
Was motiviert Sie persönlich, sich für die Baukette zu engagieren – Sie, Herr Bühlmann, als Geschäftsführer, und Sie, Herr Ammermann, als ehrenamtlicher Präsident?
Bühlmann: Ich habe wie erwähnt selbst eine KV-Lehre im Bauhandelsumfeld gemacht – zu einer Zeit, als es noch keine branchenspezifische Lösung gab. Ich fand es immer schade, dass es in unserem Bereich trotz der volkswirtschaftlich grossen Bedeutung keine branchenspezifischen Kurse gab, wie ich das von Kolleginnen und Kollegen kannte, die beispielsweise ihre KV-Lehre auf Gemeindeverwaltungen oder in Banken absolvierten. Heute darf ich mithelfen, das zu ändern. Die Baukette gibt unserer grossen, vielfältigen Ausbildungsbranche ein Gesicht – und das erfüllt mich mit Sinn.
Ammermann: Ich bin ex officio in den Vorstand gekommen, da mein Arbeitgeber HGC-Gründungsmitglied war, und wurde dann Präsident, als es eine Nachfolgelösung brauchte. Mich motiviert die Vernetzung in der Branche, die das Amt mit sich bringt, aber auch die Zusammenarbeit mit Markus, der immer Tausende Ideen hat. Zudem lerne ich viel über das Ausbildungswesen und andere Themen wie Strategie oder Budgetgestaltung. Das bereitet mir grosse Freude.